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April 2011 - Die neue Mickrigkeit Drucken E-Mail

Soziologie: Die neue Mickrigkeit
Robert Pfaller untersucht unser schönes Leben und findet zu wenig Dreck und Lust

Einem viel zitierten Bonmot Slavoj ˇi˛eks zufolge genießt der Westen seit einiger Zeit nur noch unter Vorbehalt. Wir konsumieren Schlagsahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper. Die Zigarette ohne Schadstoffe winkt bereits am Horizont. Der Wiener Kulturtheoretiker und Philosoph Robert Pfaller hat solchen Formen von Genuss- und Erlebnisarmut in der sogenannten Spaßgesellschaft nun ein Buch gewidmet. Dabei fahndet er vor allem nach den Gründen, aus denen sich erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit das Rauchen verbieten, sich an Flughafenkontrollen bloßstellen oder sich unfreie Studienordnungen aufzwingen lassen.

DIE ZEIT Nr. 12, 17.3.2011
von Claude Haas

Ein denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage überhaupt, die nach dem guten Leben, unstellbar gemacht. Den Fluchtpunkt dieser Misere erblickt Pfaller in einer seit Mitte der neunziger Jahre fortschreitenden Verdrängung des Todes sowie alles Schmutzigen. Der Wunsch nach einem intensiven Leben sei von dem Begehren abgelöst, möglichst unversehrt zu sterben. Damit gleiche unser Leben aber paradoxerweise dem, wovon wir nichts wissen wollen – dem Tod.

Pfaller erinnert daran, dass es jahrhundertealte und kulturübergreifende Gepflogenheiten gab, dem Dreck und Schmutz lustvolle Momente abzujagen und gerade das Verbotene und Tabuisierte rituell zu feiern. Die Ambivalenz, die in Begriff und Konzept des »Heiligen« stecke, das in vielen Sprachen sowohl das Großartige als auch das Unreine bezeichne, sei hierfür das beste Beispiel. Die im Westen zu beobachtende Sterilisierung des öffentlichen Raums habe uns den Mut zur heiligen Ausschreitung – für Pfaller gleichbedeutend mit dem »guten« Leben – gründlich ausgetrieben. Unsere einzige und vorläufig letzte Maßlosigkeit und Überschreitung liege im Maßhalten: »Wir mäßigen uns maßlos.«

Pfaller ist psychoanalytisch versiert und weiß bestens, dass derartige Formen der Verdrängung oder Verwerfung des Obszönen niemals vollständig gelingen. Wie Helmut Kohl einst Gorbatschow am Bonner Rheinufer erklärte, lassen sich Ströme einzwängen, aber nicht aufhalten. Für Körperströme gilt dies zumal. In der minutiösen Untersuchung gesellschaftlicher Umbettungsprozeduren des heiligen Schmutzes liegt denn auch das Verdienst von Pfallers Studie.

Weiterlesen: ZEIT.de


Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie; S. Fischer, Frankfurt am Main 2011; 315 S., 19,95 €
 

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