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Soziologie: Die neue Mickrigkeit
Robert Pfaller
untersucht unser schönes Leben und findet zu wenig Dreck und Lust
Einem viel zitierten
Bonmot Slavoj ˇi˛eks zufolge genießt der Westen seit einiger Zeit nur noch
unter Vorbehalt. Wir konsumieren Schlagsahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol,
Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper. Die Zigarette ohne Schadstoffe winkt
bereits am Horizont. Der Wiener Kulturtheoretiker und Philosoph Robert Pfaller
hat solchen Formen von Genuss- und Erlebnisarmut in der sogenannten
Spaßgesellschaft nun ein Buch gewidmet. Dabei fahndet er vor allem nach den
Gründen, aus denen sich erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit das Rauchen
verbieten, sich an Flughafenkontrollen bloßstellen oder sich unfreie
Studienordnungen aufzwingen lassen.
DIE
ZEIT Nr. 12,
17.3.2011
von Claude Haas
Ein
denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political
Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage
überhaupt, die nach dem guten Leben, unstellbar gemacht. Den Fluchtpunkt dieser
Misere erblickt Pfaller in einer seit Mitte der neunziger Jahre
fortschreitenden Verdrängung des Todes sowie alles Schmutzigen. Der Wunsch nach
einem intensiven Leben sei von dem Begehren abgelöst, möglichst unversehrt zu
sterben. Damit gleiche unser Leben aber paradoxerweise dem, wovon wir nichts
wissen wollen – dem Tod.
Pfaller erinnert daran,
dass es jahrhundertealte und kulturübergreifende Gepflogenheiten gab, dem Dreck
und Schmutz lustvolle Momente abzujagen und gerade das Verbotene und
Tabuisierte rituell zu feiern. Die Ambivalenz, die in Begriff und Konzept des
»Heiligen« stecke, das in vielen Sprachen sowohl das Großartige als auch das
Unreine bezeichne, sei hierfür das beste Beispiel. Die im Westen zu
beobachtende Sterilisierung des öffentlichen Raums habe uns den Mut zur
heiligen Ausschreitung – für Pfaller gleichbedeutend mit dem »guten« Leben –
gründlich ausgetrieben. Unsere einzige und vorläufig letzte Maßlosigkeit und
Überschreitung liege im Maßhalten: »Wir mäßigen uns maßlos.«
Pfaller ist
psychoanalytisch versiert und weiß bestens, dass derartige Formen der
Verdrängung oder Verwerfung des Obszönen niemals vollständig gelingen. Wie
Helmut Kohl einst Gorbatschow am Bonner Rheinufer erklärte, lassen sich Ströme
einzwängen, aber nicht aufhalten. Für Körperströme gilt dies zumal. In der
minutiösen Untersuchung gesellschaftlicher Umbettungsprozeduren des heiligen
Schmutzes liegt denn auch das Verdienst von Pfallers Studie.
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Robert
Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie;
S. Fischer, Frankfurt am Main 2011; 315 S., 19,95 €
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