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Der Widerstand des Berliner Senats gegen die
Verbreitung des Alkoholpräventionsprojekt "Lieber schlau als blau"
trifft in der Presse zurecht auf kritische Kommentare.
Wir unterstützen das Projekt und begleiten die
Umsetzung in unseren Regionen (Potsdam, Brandenburg/H., Potsdam-Mittelmark und
Teltow-Fläming).
Hier gibt’s weitere
Infos zum Programm „Lieber schlau als blau“
Beschwipst
in der Schule
Beim
Trinkexperiment vorgesehen sind für die Schüler bis zu vier
Trinkeinheiten –
das entspricht 0,8 Liter Wein oder 1,33 Liter Bier pro Person.
Berliner
Zeitung, 23.06.2010
von Martin Klesmann
Berlin -
Erstmals wird am Mittwoch an einer Berliner
Schule das umstrittene Alkoholpräventions-Projekt „Lieber schlau als
blau“ des
Landes Brandenburg vorgestellt. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein
„Trinkexperiment“, bei dem minderjährige Schüler unter Aufsicht Alkohol
trinken
und dabei die Veränderungen in ihrem Verhalten dokumentiert werden.
Vorgesehen
sind für die Schüler bis zu vier Trinkeinheiten – das entspricht 0,8
Liter Wein
oder 1,33 Liter Bier pro Person, allerdings verteilt über bis zu drei
Stunden.
Dabei werden Veränderungen im Sozialverhalten der Schüler mit einer
Kamera
aufgezeichnet. Bei unterschiedlichem Promillestand werden
Konzentrationsübungen
wie Rechenspiele durchgeführt. Den Schülern soll so die gefährliche
Wirkung des
Alkohols vor Augen geführt werden.
Die
Senatsbildungsverwaltung hat bereits im Vorfeld
versucht, die Informations-Veranstaltung im Zehlendorfer
Droste-Hülshoff-Gymnasiums zu verhindern, wie Elternvertreter
berichteten. Der
Projektverantwortliche, der Psychologe Johannes Lindenmeyer von der
Salus
Kliniken GmbH bei Potsdam, sollte wieder ausgeladen werden. Denn im
Gegensatz
zur Potsdamer Landesregierung, lehnt der Berliner Senat das Projekt ab.
Zur
Begutachtung hatte sich eigens eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der
Bildungs-
und Gesundheitsverwaltung, der Fachstelle für Suchtprävention und der
Landespräventionsstelle zusammengetan. Das Ergebnis: „Von einer
Durchführung
wird abgeraten“, sagt Erhard Laube, Abteilungsleiter der
Bildungsverwaltung.
Denn der Alkoholkonsum sei hier das zentrale Element und das vertrage
sich
nicht mit der Berliner Suchtpräventions-Strategie. Zentrales Ziel in
Berlin sei
es, den „Alkoholkonsumbeginn bei Kindern und Jugendlichen so weit wie
möglich
hinauszuschieben“.
In Brandenburg
sieht man das völlig anders: Hier läuft
das Projekt „Lieber schlau als blau“ seit 2007 in mehreren Landkreises
und in Potsdam.
Das Gesundheitsministerium finanziert dafür sogar eine
Suchtpräventionsstelle.
An zahlreichen Jugendclubs und etwa 25 Schulen habe man den
„Trinkworkshop“
bisher durchgeführt.
Weiterlesen:
BerlinOnline.de
Trockener
Unterricht
THOMAS
ROGALLA findet, dass kein Alkohol auch keine Lösung ist.
Berliner
Zeitung, 23.06.2010
Jesus ist
schuld. Hätte er vor 2 000 Jahren nicht
Wasser in Wein, sondern in ein alkoholfreies Milchmischgetränk oder
naturtrüben
Apfelsaft verwandelt: Alkohol wäre in unserer Kultur nicht so tief
verankert.
Ist er aber, mit Wirkungen und schädlichen Nebenwirkungen. Nicht für die
Schule
lernen wir, sondern für das Leben, besonders dann, wenn es sich anders
darstellt als im Lehrplan. Deshalb muss sich die Schule darauf
einstellen, dass
viele ihrer Schüler schon unterhalb der gesetzlichen Altersgrenzen
saufen
(Einheimische), kiffen (Migranten), rumvögeln (alle) und anderes
jugendgerechtes, also grenzüberschreitendes Verhalten an den Tag legen.
Neu ist
das nicht, wie man aus der "Feuerzangenbowle" weiß, wo der ungezogene
Schöööler Pfeiffer im Chemiesaal Schnaps destillierte. Jugendliche
sollen mit
16 Jahren wählen, mit 17 dürfen sie unter Aufsicht Auto fahren, wodurch
die
Unfallzahlen gesunken sind. Sich kritisch-selbstkritisch mittels eines
Glases
Wein unter Aufsicht die Wirkung von Alk bewusst zu machen, wäre
lebensnah, also
verwaltungsfern. Vier Berliner Behörden befassen sich lieber mit der
Frage, ob
der ausschenkende Lehrer eventuell juristisch belangt werden kann. So
ist ein
in jeder Hinsicht trockener Unterricht gesichert. Und nach Schulschluss
ziehen
sich die Kids wieder eine Pulle Wodka rein.
Kommentar auf BerlinOnline.de lesen
Schwips
unter Aufsicht
Berlin
hält brandenburgisches Suchtpräventionsprojekt für Jugendliche für
kontraproduktiv
PNN,
24.06.2010
Von Anja Brandt
Lindow/Berlin -
Für die 14- und 15-Jährigen gibt es ein
bis zwei „Trinkeinheiten“ – ein bis zwei Flaschen Bier oder Gläser Wein
also –
und für die 16- und 17-Jährigen zwei bis drei Gläser. Wer 18 und älter
ist,
darf sich auch ein Glas Wodka genehmigen. Auf jeden Fall soll Alkohol
fließen,
ganz offiziell, und das ruft Kritiker auf den Plan.
Streitthema
ist das brandenburgische Projekt „Lieber
schlau als blau“, dessen zentraler Bestandteil ein sogenannter
Trinkworkshop
ist. Hier sollen die Jugendlichen Alkohol im – laut Konzept –
„risikoarmen
Bereich“ trinken. Unter pädagogischer Aufsicht, mit Vorbesprechung und
Auswertung – und nur, wenn die Eltern dem Projekt zugestimmt haben.
Das Programm
der Salus Reha-Klinik für Suchtkrankheiten
in Lindow (Ostprignitz-Ruppin), das das brandenburgische
Gesundheitsministerium
in Auftrag gegeben hatte, läuft seit dem Herbst 2008 in den Landkreisen
Uckermark, Oberhavel und Havelland sowie in Potsdam. Adressaten sind
Schulen
und Freizeiteinrichtungen. In Berlin war das Projekt bisher kein Thema –
bis
der Elternausschuss (BEA) des Bezirks Steglitz-Zehlendorf davon hörte
und für
Mittwochabend eine Informationsveranstaltung organisierte. Eingeladen
hatte der
Elternausschuss auch Johannes Lindenmeyer, den Direktor der Salus
Klinik.
Daraufhin bat die Berliner Bildungsverwaltung die Organisatoren, „dem
Projekt
keinen Raum zu geben“. Es hebele die Zielsetzung der Berliner
Suchtprävention
aus, den Beginn des Alkoholkonsums so weit wie möglich hinauszuschieben.
Der
Senat habe sogar gefordert, Lindenmeyer wieder auszuladen, heißt es im
BEA.
Petra Samani,
stellvertretende Vorsitzende im BEA
Steglitz-Zehlendorf, sagt: „Wir finden den Ansatz des Programms
ungewöhnlich
und wollen uns einfach nur informieren.“ Samani ist überzeugt, dass das
Projekt
einen seriösen Hintergrund habe – schließlich genieße die Salus Klinik
einen
ausgezeichneten Ruf. Dass die Senatsverwaltung derartigen Druck ausübe,
und das
Programm nicht einmal angeschaut werden dürfe, findet Samani
haarsträubend.
Weiterlesen: PNN
Online
Mathe
und Bier: Trinkexperimente in Schulen
Lausitzer Rundschau, 23.06.2010
Von Ulrike von Leszczynski, dpa
Potsdam/Berlin (dpa) Ein kleines Bier oder ein Gläschen
Sekt, serviert vom Lehrer im Schulunterricht der 9. oder 10. Klasse? Was nach
verkehrter Welt klingt, ist in Brandenburg erlaubt.
Trinkexperimente in Schulen oder Clubs sind dort ein
neuer Ansatz der Suchtprävention, um Jugendliche vom «Komasaufen» abzuhalten.
Andere Bundesländer schauen mit Interesse nach Potsdam. Denn die Probleme sind
überall gleich: Ein Teil der Jugendlichen trinkt seit Jahren viel zu viel. Doch
nicht alle Präventionsstrategen sind von der Idee begeistert. Die Hauptstadt
Berlin, in der fast jede Woche Jugendliche mit Alkoholvergiftungen ins
Krankenhaus kommen, sieht sie kritisch.
«Lieber schlau als blau», heißt das Pilotprojekt, das
seit Herbst 2008 in Brandenburg läuft. Es ist vom Gesundheitsministerium des
Landes gewollt und wird finanziell gefördert. Simone Schramm aus der
Suchtpräventions-Fachstelle der Salus Klinik Lindow muss dazu allerdings immer
viel erklären. Ihr wichtigster Satz zur Beruhigung der Gemüter lautet: «Es geht
hier nicht um Rauscherfahrungen.» Es gehe darum, dass Jugendliche in der Schule
beobachten und lernen, wie schon geringe Mengen von Alkohol auf den eigenen
Körper wirken. Ein Ziel sei, dass sie sich danach selber Regeln für die nächste
Party setzen: von der Alkohol-Menge bis zum Weg nach Hause.
In der Präventionsarbeit hat schon länger ein
Paradigmenwechsel eingesetzt. Es geht nicht um Verbote, sondern um einen
verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. «Kenn Dein Limit» ist ein Leitsatz der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und in Berlin gibt es für den
Schulunterricht «Rauschbrillen», die das eingeschränkte Sichtfeld eines
betrunkenen Menschen simulieren.
Noch greift die neue Aufklärungstaktik wohl nicht: 2008
kamen nach der Bundesstatistik rund 25 000 junge Leute mit Alkoholvergiftungen
ins Krankenhaus. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Zahlen damit verdoppelt.
Sorgen macht auch das Alter der Rauschopfer. In Berlin ergab eine Studie im
Jahr 2009, dass die Mehrheit der befragten 14-Jährigen schon einmal betrunken
war. Ihren ersten Kontakt mit Alkohol hatten viele Kinder schon mit 11 oder 12.
Rund ein Fünftel aller Jugendlichen kennt beim «Saufen» kaum Grenzen.
Das Trinkexperiment in Brandenburg setze vor allem auf
Selbsterkenntnis, sagt Simone Schramm. Jugendliche bekämen vom Lehrer nicht nur
ein kleines Bier oder ein Gläschen Sekt, sondern auch gleich ein Pusteröhrchen
dazu. Vorher sollen sie einschätzen, wie der Alkohol auf sie wirkt. Nach dem
Trinken - Mengen und Zeiten kontrolliert der Pädagoge - wird der Promillegrad
gemessen. Es gibt auch Konzentrationstests. Mit den persönlichen Ergebnissen
wird ein Computer gefüttert. Nach der Auswertung folgen Fragen: Hast Du das so
erwartet? Was heißt das für Dich?
Weiterlesen:
Lausitzer Rundschau Online
Jugendliche und Alkohol: Einen können wir noch
Frankfurter Rundschau, 28.06.2010
Von Yvonne Globert
Auf die erfolgreiche
Matheklausur, prost! Manch einer hat womöglich eine solche Szene im Kopf;
Schüler und Lehrer köpfen im Unterricht eine gepflegte Flasche Bier, obendrauf
gibt´s noch ´nen Korn. So muss es wohl ablaufen, wenn an Schulen offiziell
getrunken werden darf.
Tatsächlich aber hat all
dies mit dem Trinktest, den Lehrer und Sozialpädagogen in Brandenburg mit ihren
Schülern und Schützlingen durchführen, rein gar nichts zu tun. Es geht, kurz
gesagt, um den maßvollen Umgang mit Alkohol, den die Jugendlichen hier erlernen
sollen.
Konkret läuft das Ganze
seit einiger Zeit in sogenannten Trinkworkshops ab und zwar nicht einfach
drauflos, sondern unter genauer Kontrolle und mit wissenschaftlichem Anspruch:
Je nach Alter, die Jüngsten sind 14 und brauchen natürlich das Einverständnis
ihrer Eltern, gibt es eine kleine Flasche Bier oder ein Glas Sekt
beziehungsweise Wein, die jeweils innerhalb von 30 Minuten zu konsumieren sind.
Ein weiteres Glas gibt es nach einer Pause.
Nach jeder Trinkphase
nehmen die Jugendlichen an einem Konzentrationsspiel teil, bei dem etwa Zahlen
in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen sind. Ziel dabei, so Projektleiterin
Simone Schramm: "Sie sollen merken, wie sich der Alkohol auf ihre
Leistungsfähigkeit auswirkt." Nach jedem Konsum wird ins Röhrchen gepustet
und der Promillewert ermittelt. Auch aus ganz pragmatischen Gründen: Die
Jugendlichen haben dann vielleicht nur 0,3 Promille Alkohol im Blut, erfahren
aber: Wären sie in diesem Zustand in einen Verkehrsunfall verwickelt, hätte das
für ihren Versicherungsschutz üble Konsequenzen, sagt die Mitarbeiterin der
Suchtpräventions-Fachstelle Brandenburg, die Lehrer und Pädagogen für den
Alkoholtest schult.
Wichtig für Schramm, die
mit dem Suchtexperten und Leiter der Salus-Klinik in Lindow, Johannes
Lindenmeyer, das Alkoholpräventionsprogramm "Lieber schlau als blau"
entwickelte, ist dabei auch die Erkenntnis der Jugendlichen: "Viele
erreichen schon mit einer geringen Alkoholmenge den Zustand, um den es ihnen
geht." Mit anderen Worten: Es muss nicht gleich die ganze Flasche Wodka
sein, wenn man sich nur etwas anheitern möchte.
"Wie aber sollen sie
das lernen und vernünftig an den Alkohol herangeführt werden, wenn ihnen das
niemand vorlebt", fragt Rahel Mertin. Die Diplompädagogin koordiniert im
ländlichen Raum Rathenow Projekte für Jugendliche, die mit Alkohol nicht selten
versuchten, ihre Langweile zu verdrängen.
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FR Online
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