|
Alkoholkonsum: Volle Pulle Spaß
Einen Abend mit Freunden ohne Alkohol findet Paula, 14, langweilig. Sie ist
lieber cool als nüchtern
Tagesspiegel vom 04.02.2010
Von Hadija Haruna
Einen Grund
zum Trinken findet Paula immer. Im Winter trifft sie sich mit Freunden gerne
vor Einkaufszentren in Berlin, im Sommer beginnt der Cliquentreff im Park
gepflegt mit Bier und Wein. „Den Alkohol kriegen wir mit gefälschten
Schülerausweisen oder einfach so im Spätkauf, weil wir älter geschätzt werden“,
sagt sie. In der Stimme der 14-Jährigen klingt Stolz durch.
Bei Bier und
Wein bleibt es meist nicht, wenn sich Paula* mit ihren Freunden trifft. Oft
kommen härtere Sachen ins Spiel. Und mitunter auch die Handykamera, mit der die
Spaßgelage gefilmt werden. Wer leert schneller sein Glas? Wer traut sich, etwas
Verrücktes zu tun? „Zum Beispiel barfuß durch den Schnee rennen“, sagt Paula.
An diesen Abenden wird viel gelacht. Sie sind lustig.
Kein
Jugendlicher würde sich wohl selbst je als potenziellen Komasäufer bezeichnen.
Nur gelegentlich stürzt einer ab, im schlimmsten Fall kommt der Rettungswagen.
Das mit dem Alkohol beginnt vielleicht auf einer Klassenfahrt, an Silvester
oder auf einer Geburtstagsparty. In Berlin trinken Jugendliche zum ersten Mal
im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren. Das sagt die von der Fachstelle für
Suchtprävention herausgegebene Studie „Jugendliche – Alkohol – Hintergründe“.
Befragt wurden Jungs und Mädchen zwischen elf und 27 Jahren aus allen Bezirken.
Sie berichten meist von ähnlichen Rausch-Eskapaden wie Paula. Von Nächten, in
denen sie im Suff über den Zaun ins Freibad geklettert sind. Von Nachmittagen,
an denen sie schreiend durch die Straßen gerannt sind. Dass man diese
Geschichten nicht missen möchte, sagen die Älteren. Als wäre jeder Schluck,
jede Flasche, jedes Glas eine Trophäe des eigenen Reifeprozesses.
„Trinken
gehört irgendwie zum Erwachsenwerden dazu“, sagt Simon. Das sei doch schon bei
früheren Generationen vor ihnen so gewesen. Der 19-Jährige sitzt mit seinen
Schulkameradinnen Anna und Miriam in einem Café in der Nähe des
John-Lennon-Gymnasiums in Mitte. Sie lachen viel und erzählen offen über
vergangene Geschichten. Simon kann sich nicht entscheiden, von welcher seiner
Trink-Anekdoten er berichten soll. Er erzählt, wie er nach einer Fahrradtour
mit Freunden übermütig mit seinen Klamotten in den See gesprungen sei und am
nächsten Tag in der nassen Kleidung habe weiterfahren müssen. „Keine schöne
Sache“, sagt er und lacht. Während des Gesprächs sind die drei Freunde manchmal
selbst ein bisschen entsetzt, aber der Unterhaltungswert ihrer Geschichten ist
groß. „Ist zwar traurig, aber bei uns gehört Alkohol zum Feiern dazu. Enthemmt
Partymachen“, sagt Anna.
„Man ist
nicht per se cool, wenn man viel trinkt. Aber man ist irgendwie uncool, wenn
man es nicht tut“, sagt Miriam.
Weiterlesen:
Tagesspiegel Online
|